Markus Dietrich Supervision und Coaching Frankfurt am Main

Kinder im hoch eskalierten Trennungskonflikt

Kinder in hoch eskalierten Elternkonflikten…

…sind stark und häufig über mehrere Jahre belastet. Das unterscheidet sie wesentlich von den Kindern, deren Eltern sich – nach anfänglichen hitzigen Trennungsauseinandersetzungen – nach einer gewissen Zeit wieder einem geregelten Alltag widmen können. Für die Kinder bedeutet das Erreichen ruhigerer Gewässer die Möglichkeit, ihrerseits die Trennung zu verarbeiten und sich wieder ihrer eigenen Entwicklung zu öffnen.

Die große Herausforderung für die Eltern

Die getrennten Eltern stehen nicht nur vor der Herausforderung, die Paar- und Elternebene voneinander zu trennen. Sie stehen auch vor der Herausforderung, ihre Elternschaft neu zu definieren: Was bedeutet Vater- / Muttersein, wenn mein Kind regelmäßig, vielleicht über einen relativ langen Zeitraum (10 Tage), nicht bei mir ist? Wie kommen sie damit klar, den Alltag mit ihrem Kind allein zu organisieren? Hinzu kommen die Belastungen durch existenziellen Sorgen (knappe finanzielle Ressourcen, hohe Mietausgaben) oder die Neuorganisation des Alltags. Diese und weitere Fragen belasten die beteiligten Eltern sehr; oft genug über die eigene Belastungsgrenze hinaus.

Merkmale eines hochstrittigen Elternkonflikts

In der Begegnung mit hochstrittigen Eltern begegnen Fackräfte immer wieder den selben Merkmalen, etwa den Schwierigkeiten in der Kommunikation selbst oder permanenten Auseinandersetzungen über Erziehungsfragen. Begleitet wird dies von einem hohen Grad an Misstrauen und Wut. Diese haben ihren Ursprung in der – offenen oder verdeckten – Feindseligkeit gegenüber der Ex-Partner*in. Ausdruck findet diese Feindseligkeit etwa in langjährigen Rechtsstreitigkeiten oder unbewiesenen Anschuldigungen (sexueller Missbrauch, psychische Störung, Drogenmissbrauch usw.). Die (öffentliche) Demütigung der Ex-Partner*in, etwa durch die Veröffentlichung intimer Details, die die Ex-Partner*in in einem schlechten Licht zeigen sollen, gehört ebenso in das Waffenarsenal wie auch die Nichteinhaltung von Regeln und Vereinbarungen. Diese feindselige Haltung macht auch vor der Sabotage der Beziehung des Kindes zur Ex-Partner*in nicht halt.. Die Einbeziehung der Kinder in den elterlichen Konflikt erscheint hierfür manchen Eltern ein geeignetes Mittel hierfür zu sein.

Folgen für die Kinder

Diese erbittert geführten Auseinandersetzungen stürzen die Kinder nicht selten in Loyalitätskonflikte, denn mit zunehmender Intensität der Auseinandersetzungen steht immer stärker die Forderung an die Kinder im Raum, sich gegen den anderen Elternteil zu verbünden.

Die Erschöpfung, die eine Folge des erbittert geführten Kampfes gegen die Ex-Partner*in sein kann, fördert eine Parentifizierung. Der erschöpfte Elternteil wird gepflegt und beraten – Aufgaben, die eigentlich elterliche Aufgaben gegenüber dem Kind sein sollten. Für die Kinder kann dies eine verquere Möglichkeit darstellen, die durch den Dauerkonflikt hervorgerufene Nichtverfügbarkeit der Eltern für sich selbst zu „kompensieren“ – die Dankbarkeit in den Augen des gepflegten Elternteils quasi als Ersatz für entgangene Zuwendung und Empathie.

Die extrem aufgeheizte Atmosphäre zwischen den Eltern vergrößert die Gefahr einer negativen Eltern-Kind-Kommunikation enorm. Die Gereiztheit und Aggressivität, die den Ton zur Ex-Partner*in dominieren, lassen sich häufig genug nicht aus der Kommunikation mit dem Kind heraushalten.

Trennungen, insbesondere jene, die in einem hoch eskalierten erfolgen, stellen für die Eltern eine immense Belastung dar. Die unter Umständen daraus resultierenden Handlungen, die das innere Gleichgewicht wieder herstellen sollen –  wie etwa Alkoholkonsum oder häufig wechselnde Sexualkontakte –  werden von den Kindern häufig verschwiegen aus der nicht unberechtigten Angst, bei der Erwähnung dieser Verhaltensweisen den betreffenden Elternteil zu verlieren. Die gegenseitigen Abwertungen des jeweils anderen Elternteils lassen das Kind gewarnt sein.

Die Wahrnehmung eines belasteten Elternteils kann dazu führen,  dass Kinder die eigenen Sorgen und Nöte verschweigen, um diesen Elternteil nicht noch mehr zu belasten. Unter Umständen stehen Verwandte, etwa die Großeltern, als geeignete Ansprechpartner*innen nicht mehr zur Verfügung, da der Kontakt zu ihnen abgebrochen wurde.

Die betroffenen Kinder zeigen – je nach Alter und Entwicklungsstand – unterschiedliche Reaktionen auf diese Belastungen. Neben dem Ruf nach Aufmerksamkeit können sie als ein (verzweifelter) Versuch gelesen werden, auf die eigene Not aufmerksam zu machen, das eigene innere Gleichgewicht und/oder das des Familiensystems wieder herzustellen. Beobachten lassen sich externalisierendes Verhalten wie erhöhte Aggfessivität, das Ausagieren von Spannungen oder die Zerstörung von Gegenständen. Weiter sind internalisierende Verhaltensweisen häufig zu beobachten: Ängstlichkeit, Rückzug, Depression. Sie zeigen unsicheres Bindungsverhalten, einhergehend mit emotionaler Verunsicherung. Sie wirken weniger selbstbewusst, in ihren sozialen Kompetenzen eingeschränkt. Auch ist ihre kognitive Leistungsfähigkeit häufig verringert, was sich im Abfall der schulischen Leistungen manifestiert. Manchmal ist jedoch auch das Gegenteil sichtbar: die Konzentration auf die Schule übernimmt in diesem Zusammenhang die Ausblendung des Trümmerfeldes zu Hause.

Als Auswirkung von hoch eskalierten Elternkonflikten lässt sich generell eine Beeinträchtigung der Entwicklungsmöglichkeiten für diese Kinder festhalten. Aufgrund des dauerhaft hochgradigen Stresses leidet die strukturelle Qualität der psychischen Entwicklung und behindert die Lernfähigkeit. Resilienzfaktoren wie etwa die Erfahrung von Selbstwirksamkeit können sich nur sehr schwer ausbilden.

Versuche der Bewältigung

Die betroffenen Kinder bedienen sich unterschiedlicher Strategien, die Auswirkungen eines hoch eskalierten Konfliktes abzumildern. Ein nicht selten anzutreffendes Phänomen ist das der Umgangsverweigerung, ohne dass die angegebenen Begründungen für Dritte nachvollziehbar werden. Vielmehr soll mit einer solchen Umgangsverweigerung der Druck, der sich etwa während der Übergabesituation zwischen den Eltern aufbaut, vermieden werden. Lieber „verzichtet“ das Kind auf den einen Elternteil. Umgangsverweigerung im Kontext von Hochstrittigkeit bedarf der besonderen Aufmerksamkeit der professionellen Kräfte. Denn je nach „Fortgeschrittenheit“ der Umgangsverweigerung kann das Kind den Wunsch, den anderen Elternteil nicht mehr sehen zu wollen, als ureigenen Wunsch erleben. Generell kann im Kontext der Umgangsverweigerung die Unterscheidung zwischen Kindeswohl und Kindeswille sein.

Als weitere Bewältigungsstrategien zu nennen wären die Verdrängung und die sog. „Ökonomisierung der Gefühle“. Die Verdrängung dient dem Kind, sich ein eigenes Gefühl von Sicherheit zu erhalten; damit einher geht die Regression auf ein früheres Entwicklungsstadium; Einnässen kann ein Hinweis darauf sein. Bei der sog. „Ökonomisierung der Gefühle“ benennt das Kind nur die positiven Seiten der Trennung. Die Verbalisierung von Gefühlen wie Traurigkeit findet nicht statt.

Hilfreich für die Kinder…

…ist der Beziehungsaufbau zu neutralen Erwachsenen, die dem Kind die Möglichkeit geben, in einem geschützten Raum ihre eigenen Gefühle artikulieren zu können, ohne gleich befürchten zu müssen, dass das Gesagte gegen einen der beiden Elternteile verwendet wird. Dies kann im Rahmen einer Therapie oder Erziehungsberatung geschehen, oder im privaten Umfeld des Kindes. Auch die Teilnahme an Kindertrennungsgruppen kann für die Kinder entlastend wirken, ohne permanent selbst im Mittelpunkt zu stehen. Die Unterstützung der Kinder durch Professionelle im Gespräch mit seinen Eltern kann für die Kinder ebenfalls unterstützend sein.

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